Beton-Rezeptur 1965 — die Bewehrungspraxis
Die historische Mischung der 1960er Jahre, Zement-Wasser-Verhältnisse zwischen 0,55 und 0,65, Zuschlag 0/32, Bewehrungsstahl BSt 220/IIIa und BSt 420/IIIb. Eine Bau-Akte aus Düsseldorf 1966 zeigt, womit die Sanierungs-Praxis im Mai 2026 zu rechnen hat.
Eine Bau-Akte aus dem Sommer 1966
Im Bestandsarchiv eines Düsseldorfer Verwaltungsbau-Eigentümers ist im Februar 2026 eine vollständige Bau-Akte zum Vorschein gekommen, die in dieser Dichte selten geworden ist: Beton-Tagesprotokolle, Lieferscheine eines lokalen Transportbeton-Werks, handschriftlich ergänzte Schalungs-Skizzen des Polier, Statik-Auszüge. Der Bau — ein sechsgeschossiger Skelettbau am Hansaring, errichtet 1966-67 für eine mittelständische Versicherung — ist im Mai 2026 sanierungsfällig. Die Akte ist für uns ein willkommener Anlass, die Rezeptur-Praxis dieser Bauphase noch einmal sortiert aufzuarbeiten. Was im aktuellen Heft 27 folgt, ist die Akte als Längsschnitt durch eine alltägliche, technisch ehrgeizige Mischung der mittleren 1960er.
Die Mischung
Die im Protokoll dokumentierte Standard-Mischung für die tragenden Stützen und Unterzüge lautete: 320 kg Portlandzement Z 275 (das entspricht etwa heutigem CEM I 32,5 R), 165 l Anmachwasser, Zuschlag 0/32 mm mit gestufter Sieblinie, Frischbeton-Konsistenz KP-KR (plastisch bis stark plastisch, Ausbreitmaß rund 38 cm). Das ergibt einen Wasserzementwert von 0,52 — auf dem Papier eine technisch gute Mischung.
In der Praxis wurde der W/Z-Wert allerdings regelmäßig nach oben korrigiert. Die Tagesprotokolle zeigen für 19 von 31 Betonage-Tagen Vermerke wie „Wasserzugabe auf der Baustelle 8 l/m³” oder „nach Augenschein nachgesteift” — die Polier-Praxis, einen zu trockenen Beton vor dem Einbringen mit Wasser noch geschmeidiger zu machen. Damit liegt der reale W/Z-Wert eher bei 0,58-0,63. Genau das ist der Wert, der heute, 60 Jahre später, die Diagnostik bestimmt: ein W/Z von 0,60 produziert einen Beton mit einem Karbonatisierungs-Koeffizienten von rund 4 mm/√a (gegenüber etwa 2,5 mm/√a bei W/Z 0,50). Auf 60 Jahre hochgerechnet — bei vereinfachter Anwendung des Wurzel-Zeit-Gesetzes — sind das 31 mm gegen 19 mm Karbonatisierungstiefe. Die Differenz zwischen Soll-Rezeptur und gelebter Mischung wird also genau hier zum Sanierungs-Problem.
Festigkeit und Klassifizierung
Die Bauleitung 1966 hat regelmäßig Würfel (15 × 15 × 15 cm) prüfen lassen. Die 28-Tage-Druckfestigkeiten lagen zwischen 28,4 und 36,7 N/mm² Würfelfestigkeit. Damals wurde nach DIN 1045 (Fassung 1959) klassifiziert; die Mischung wurde als „B 225” beauftragt, mit einer geforderten Mindestwürfelfestigkeit von 22,5 N/mm² nach 28 Tagen. In der heutigen Sprache der DIN EN 206 wäre das eine Festigkeitsklasse zwischen C20/25 und C25/30 — mit einer breiten Streuung, die ohne moderne Qualitäts-Statistik damals üblich war.
Zuschlag und Sieblinie
Der Zuschlag kam aus dem Rheinkies-Werk Dormagen. Die Sieblinie wurde im Lieferschein als „A/B-Bereich” angegeben — eine relativ grobe Sieblinie, die die Pumpfähigkeit erhöht, aber den Mehlkorn-Anteil knapp hält. Für die Bewehrungslagen mit engem Stababstand war das streckenweise problematisch; in der Akte finden sich zwei Vermerke „Kies-Nester am Stützenfuß OG 2, durch Nachstemmen geschlossen”. Diese Nachstemm-Stellen sind heute potentielle Schwachstellen — sie zeigen oft erhöhte Karbonatisierungstiefen und sind die ersten Orte, an denen Bewehrungs-Korrosion einsetzt.
Bewehrungsstahl BSt 220/IIIa und BSt 420/IIIb
Die statische Bewehrung des Düsseldorfer Baus ist in zwei Qualitäten ausgeführt: tragende Bewehrung in BSt 420/IIIb (Streckgrenze 420 N/mm², gerippt, kaltverformt durch Recken oder Verwinden), konstruktive Bewehrung in BSt 220/IIIa (Streckgrenze 220 N/mm², glatt, warmgewalzt). Im aktuellen Mai 2026 sind beide Qualitäten ein Diskussions-Thema, aber aus unterschiedlichen Gründen.
BSt 220/IIIa ist gut schweißbar, aber niedrig in der Festigkeit — bei Verstärkungs-Maßnahmen muss man entsprechend großzügig dimensionieren. BSt 420/IIIb dagegen ist nur bedingt schweißbar; die kaltverformten Stähle der 1960er hatten eine deutlich erhöhte Versprödungs-Neigung beim Schweißen. Heute (B500B nach DIN 488) ist die Schweißbarkeit kein Thema mehr, aber an Bestandsbauten der 1960er bleibt es ein Sanierungs-Risiko. Die in Düsseldorf jetzt geplante Verstärkung einer Riegellage erfordert deshalb mechanische Verbindungs-Muffen statt Schweißstöße — eine Mehr-Kostenposition von rund 14 % gegenüber einer schweißfähigen Variante.
Korrosionsanfälligkeit
Die kaltverformten BSt 420/IIIb-Stähle sind durch die Reck- bzw. Verwindungs-Verfestigung auch korrosionsanfälliger als heutige B500B. Innere Spannungen begünstigen die Spaltkorrosion entlang von Rippenflanken; sobald die Passivschicht durch Karbonatisierung verloren ist, schreitet die Korrosion an diesen Stählen typischerweise mit 0,02-0,04 mm/Jahr Querschnitts-Reduktion voran, gegenüber 0,01-0,02 mm/Jahr bei warmgewalztem Stahl unter sonst gleichen Bedingungen. Auf der Zeitachse eines 60-jährigen Bauwerks summiert sich das.
Schalung — vom Brett zur Großfläche
Die Schalung des Düsseldorfer Baus ist noch klassische Bretterschalung, 24 mm dicke Nut-und-Feder-Bretter, 12-15 cm breit, längsgerichtet. Die Oberfläche zeigt — bis heute an der Fassade ablesbar — den Holzmaserungs-Abdruck mit den charakteristischen Bretterfugen. Das ist 1965-66 noch der Standard. Erst ab Mitte der 1960er kam die Großflächen-Schalung mit Sperrholz- und beschichteten Tafeln auf, die zur kontinuierlichen, glatten Oberfläche des reifen Brutalismus führte. Die Wallfahrtskirche Neviges von Gottfried Böhm (1968) ist eine der ersten konsequenten Anwendungen der Großflächen-Schalung im sakralen Maßstab.
Für die Sanierung des Düsseldorfer Verwaltungsbaus heißt das: die Bretterschalungs-Oberfläche ist Teil des Denkmal-Charakters (der Bau ist seit 2019 in der Denkmalliste der Stadt Düsseldorf eingetragen). Lokale Reprofilierungen müssen die Brettstruktur reproduzieren — was technisch über Silikon-Negativformen geht, aber jeden Reprofilierungs-Quadratmeter um etwa 80-110 Euro verteuert.
Implikationen für die Sanierungs-Strategie 2026-2028
Aus der Akte folgt eine klare Linie für die Sanierung, die im Frühjahr 2026 mit dem zuständigen Tragwerks-Ingenieurbüro abgestimmt wurde:
Erstens: Die reale W/Z-Streuung der Mischung erfordert ein dichtes Diagnostik-Raster. Auf 100 m² Fassade kommen mindestens vier Phenolphthalein-Messpunkte plus zwei Bohrkerne für Chlorid- und Feuchtetiefen-Profile.
Zweitens: An den Nachstemm-Stellen aus 1966 — soweit identifizierbar über die Tagesprotokolle und die heutige Sichtprüfung — wird flächig abgetragen und reprofiliert, nicht nur lokal gespotbehandelt.
Drittens: Eingriffe in die BSt 420/IIIb-Bewehrung erfolgen ausschließlich mechanisch, ohne Schweißung. Wo Verstärkung nötig ist, kommen Schraubmuffen oder aufgeklebte CFK-Lamellen zum Einsatz.
Viertens: Die Brettstruktur der Schalung wird als denkmalrelevant behandelt und bei jeder Reprofilierung über Negativform übernommen.
Vergleich mit der zeitgenössischen Praxis
Was die Düsseldorfer Akte besonders wertvoll macht, ist die Vergleichbarkeit mit Bauten derselben Phase. Die Wallfahrtskirche Neviges von Gottfried Böhm wurde 1968 mit einer dokumentierten W/Z-Streuung von 0,52 bis 0,61 gebaut — die Tagesprotokolle dort zeigen ein vergleichbares Bild des „Nachsteifens” durch Wasserzugabe auf der Baustelle. Der Pallasseum-Bau in Berlin (1973-77) folgt drei Jahre nach Düsseldorf einer bereits etwas straffer geführten Mischungs-Kontrolle, mit dokumentiertem Mittelwert um W/Z 0,56 — die Übergangsphase zur konsequent qualitäts-gesicherten Transportbeton-Lieferung der späten 1970er.
Auch beim Bewehrungsstahl ist Düsseldorf 1966 typisch: das Verhältnis BSt 220 zu BSt 420 entspricht der damaligen statischen Empfehlung, gemischt einzusetzen. Erst ab 1972 setzt sich BSt 500 (heute B500B) durch, und auch dann zunächst nur in Schweißbarkeits-kritischen Anwendungen.
Die Akte aus 1966 ist im Mai 2026 also nicht historisches Material, sondern aktive Sanierungs-Grundlage. Wir werden im Herbst-Heft die ersten Sanierungs-Ergebnisse am Düsseldorfer Bau dokumentieren — einschließlich der Frage, ob die rein hydrophobierende Strategie ausreicht oder ob in einer zweiten Etappe ab 2029 doch noch lokal Realkalisierungs-Maßnahmen ergänzt werden müssen.