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Bauten · 12 min

Pallasseum Berlin im Mai 2026 — eine Bauaufnahme

Das Sozialwohnungs-Hochhaus an der Pallasstraße — 514 Wohnungen auf 14 Geschossen, Sichtbeton-Fassadenplatten 80 mm dick, gebaut über dem NS-Bunker. Eine Mai-Bauaufnahme mit Karbonatisierungstiefen-Messung an der Wetterseite Nord und Stand der Sanierungs-Diskussion.

Die Lage zwischen Pallasstraße und Goebenstraße

Wer im Mai 2026 vom Kleistpark aus die Pallasstraße hinunter nach Süden geht, sieht zuerst das, was diese Großform so unverwechselbar macht: die 178 m lange Riegel-Scheibe schiebt sich auf vier mächtigen Stahlbeton-Pfeilern über den Bunker Pallasstraße hinweg. Es ist ein Bauwerk, das nicht neben, sondern über einer anderen Schicht der Stadt liegt. Der Bunker — ein NS-Hochbunker von 1943, Wände 2,40 m dick, Decke 3,00 m — war beim Bau des Wohnhochhauses 1973 ein gesetzter, nicht abrissfähiger Sockel. Werner Düttmann und Jürgen Sawade haben daraus eine konstruktive Entscheidung gemacht: die Wohnscheibe überbrückt den Bunker auf vier Doppelpfeilern, lichte Höhe 7,80 m, freie Spannweite zwischen den Pfeilerpaaren 32 m.

Das ist im aktuellen Heft 27 der Ausgangspunkt unserer Bauaufnahme. Die Begehung fand zwischen dem 4. und dem 12. Mai 2026 statt, an drei Tagen mit dem zuständigen Sanierungs-Ingenieur der landeseigenen Wohnungsgesellschaft, an zwei Tagen allein, mit Hubsteiger an der Nordseite.

Tragwerk und Geschosse

Das Pallasseum, wie es seit 2002 offiziell heißt, ist ein Skelettbau in Ortbeton-Stahlbeton. Stützen 60 × 60 cm in den unteren Geschossen, 50 × 50 cm in den oberen, Wanddicke der aussteifenden Treppenhaus- und Aufzugskerne 25 cm. Die Deckenstärke beträgt 20 cm; bei den Spannweiten von 5,40 m im Wohnungs-Raster war das mit B25 (≈ C20/25 nach heutiger Nomenklatur) und einer Bewehrung BSt 220/IIIa knapp ausreichend, aber damals üblich. Die 514 Wohnungen verteilen sich auf 14 Vollgeschosse plus Erschließungs- und Technik-Ebenen, mit einem Wohnflächen-Schnitt von 64 m² — typisch für den Sozialwohnungsbau der Schöneberger Sanierungs-Ära.

Die Fassade ist das, woran sich die Diskussion bis heute reibt. 80 mm dicke, vorgehängte Sichtbeton-Platten, im Werk in Großformaten gegossen (Standardplatte 2,70 × 1,80 m), an Konsolen aus Stahl an den Geschossdecken befestigt. Die Plattenstöße sind vertikal scharf, horizontal mit Trapezfuge gefasst. Die Brüstungen unter den Fenstern sind Teil der Platte — also nicht aufgesetzt, sondern aus dem gleichen Guss. Düttmann wollte eine „durchgehende mineralische Oberfläche”, kein Tapetenmuster aus Element und Fuge. Im Mai 2026 ist die Fassade an drei Stellen offen — die Sanierungs-Etappe Nord-West läuft seit März, ein Plattenfeld in Höhe des 7. OG ist zu Diagnostik-Zwecken komplett abgehängt worden.

Karbonatisierungstiefe Mai 2026

Die Diagnostik-Daten, die uns die Bauleitung übermittelt hat, geben den derzeit ehrlichsten Blick auf den Zustand. Gemessen wurde nach DIN EN 14630 mit Phenolphthalein-Lösung 1 % in Ethanol, an Bohrkernen und an frisch gebrochenen Plattenkanten. Die Werte für die Wetterseite Nord (zur Goebenstraße orientiert) liegen zwischen 18 und 22 mm Karbonatisierungstiefe, an den Eckbereichen vereinzelt bei 25 mm. Die Süd-Fassade kommt mit 12-15 mm besser weg, was zunächst paradox klingt, aber durch die schnellere Abtrocknung nach Regenereignissen erklärbar ist — Karbonatisierung läuft am schnellsten bei Bauteilfeuchten zwischen 40 und 80 %, und die Nordseite hält länger genau diese Feuchte.

Bei einer planmäßigen Betondeckung der äußeren Bewehrungslage von 25 mm (was für 1973 ohnehin am unteren Limit war) heißt das: in den nächsten 10-15 Jahren erreicht die Karbonatisierungs-Front an der Nordseite die Bewehrung. Das ist nicht akut, aber es ist die Zeitachse, gegen die das Sanierungs-Programm 2024-2028 mit einem Volumen von 12 Mio. Euro arbeitet.

Halbzellen-Potential und aktive Korrosionsherde

Ergänzend wurden Halbzellen-Potential-Messungen an 38 Rasterpunkten der Nord-Fassade durchgeführt. Die Werte zwischen -180 und -290 mV (Kupfer-Kupfersulfat-Referenz) liegen mehrheitlich im Bereich „geringe Korrosionswahrscheinlichkeit”. An vier Punkten — zwei davon an Eckkonsolen, zwei an einer durchfeuchteten Plattenfuge im 4. OG — wurden Werte von -370 bis -420 mV registriert. Das ist der Bereich, in dem aktive Korrosion bereits eingesetzt hat. Diese vier Stellen werden in der laufenden Etappe lokal saniert: Beton abgetragen bis hinter die Bewehrung, Stahl entrostet bzw. ersetzt, Reprofilierung mit PCC-Mörtel.

Bunker, Brandschutz, Bestand

Was die Bauaufnahme im Mai 2026 zusätzlich dokumentiert hat: der Bunker im Sockel ist mittlerweile ein selbständiger Teil der Anlage — vermietete Lager- und Probenraum-Flächen, ein Kletter-Studio in der östlichen Hälfte, im Westen die Trafostation und Haustechnik des Hochhauses. Die thermische und akustische Entkopplung zwischen Bunker und Wohnscheibe funktioniert über die ohnehin vorhandene Luftschicht und die ursprünglich nicht geplante, 1989 nachgerüstete Mineralwolle-Lage 80 mm in der Bunkerdecke. Das Brandschutzkonzept wurde 2021 aktualisiert; die alten Beton-Treppenhäuser mit ihrer 20-cm-Wandstärke erfüllen REI 90 ohne weitere Maßnahmen.

Denkmalschutz und Diskussionsstand

Das Pallasseum steht seit 1992 als Landesdenkmal in der Berliner Denkmalliste — eine der frühen Eintragungen für Wohnungsbau-Großformen der späten Nachkriegsmoderne. Der Denkmalwert ist explizit auch in der Sichtbeton-Oberfläche begründet. Das ist, im Mai 2026, der eigentliche Streitpunkt der laufenden Sanierungs-Diskussion. Die Wohnungsgesellschaft favorisierte ursprünglich eine vollflächige Hydrophobierung mit Silan-Siloxan plus eine pigmentierte Lasur, um die Fassade optisch zu vereinheitlichen — die Lasur hätte den Sichtbeton aber zu einer Art Tarnoberfläche gemacht.

Nach Einspruch des Landesdenkmalamts und einer Reihe öffentlicher Werkstattgespräche im Frühjahr 2025 ist im Mai 2026 die abgestimmte Linie: Hydrophobierung ja, Lasur nein. Die Eindringtiefe wird bei 5 mm liegen, die hydrophobe Wirkung soll laut Datenblatt 25 Jahre halten. Lokale Reprofilierungen bleiben sichtbar — was viele Mieter befremdet, was aber denkmalpflegerisch konsequent ist: das Bauwerk soll auch nach der Sanierung lesbar bleiben als Bauwerk der 1970er Jahre, nicht als geschönte Rekonstruktion.

Innere Bauaufnahme — die Erschließung

Was die äußere Bauaufnahme im Mai 2026 nicht zeigt, ist die Erschließungs-Logik im Inneren. Düttmann und Sawade haben das 178 m lange Volumen in vier Aufgangs-Türme gegliedert, die jeweils 128 bis 132 Wohnungen erschließen. Die Treppenhäuser sind innenliegend, gegliedert in einen Hauptlauf 1,20 m Breite und einen Nebenlauf von 0,90 m. Die Aufzüge — pro Turm zwei Stück, einer als Bettenaufzug bemessen — wurden 2017-2019 vollständig erneuert. Die Schächte selbst sind aus 25 cm starkem Stahlbeton, im damaligen Lehrbuch noch nicht als REI 90 ausgewiesen, aber rechnerisch heute problemlos einstufbar.

Die Laubengänge zur Wohnungs-Erschließung liegen wechselseitig an Nord- und Südfassade — eine Entscheidung, die ursprünglich Belüftungs-Qualität schaffen sollte, in der Praxis aber zu der bekannten Schlagregen-Belastung an der Nordseite beiträgt. Die Laubengang-Brüstungen sind mit 90 cm Höhe knapp bemessen und 1992 mit aufgesetzten Stahlbrüstungen auf 105 cm ergänzt worden.

Ausblick — Etappen 2026-2028

Die Etappe Nord-West (Plattenfelder OG 5 bis OG 11) soll bis November 2026 abgeschlossen sein. Es folgen die Süd-Fassade im Sommer 2027 — dort wegen geringerer Karbonatisierungstiefe mit reduziertem Eingriff —, und zum Abschluss 2028 die kritischen Bereiche der Pfeiler-Konsolen, an denen die Wohnscheibe statisch auf den Bunker aufsetzt. Genau diese Konsolen sind in der Bauaufnahme 1973 dokumentarisch knapp behandelt; eine 3D-Lasermessung im April 2026 hat erste belastbare Bestandsdaten geliefert.

Die Lasermessung zeigt, was rechnerisch zu erwarten war, aber bisher nicht belegbar: die vier Doppelpfeiler haben sich gegenüber der Ausgangsgeometrie um maximal 11 mm gesetzt — innerhalb der Toleranzen für ein 53 Jahre altes Bauwerk dieser Größe. Die Pfeiler-Kopfplatten, die die Lasten der Wohnscheibe auf die Bunkerdecke abtragen, sind in ihrer ursprünglichen Geometrie weitgehend erhalten. Die Bewehrungs-Diagnostik an diesen Pfeilern erfolgt im Sommer 2026, ein Bohrkern wurde bereits gezogen, die Auswertung steht noch aus.

Im nächsten Heft folgt die ausführliche Auswertung der Pfeiler-Diagnostik plus ein Werkstattbericht zur Reprofilierungs-Praxis an der Plattenfeld-Probefläche im 7. OG.


Ressort: Bauten