BAUSTAHL
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Architekten · 12 min

Gottfried Böhm im Mai 2026 — ein Werkverzeichnis-Update

Sechs Schlüsselbauten von Neviges bis Paderborn, ihre Konstruktion in Stahlbeton und ihr aktueller Erhaltungszustand. Wie Böhm die Werkstatt-Linie seines Vaters Dominikus in die expressive Sichtbeton-Skulptur der späten 1960er übersetzte — und was die Sanierungs-Praxis im Mai 2026 daraus macht.

Eine fortlaufende Werkbeschreibung

Gottfried Böhm, 1920 in Offenbach geboren, gestorben 2021 in Köln, Pritzker-Preisträger 1986 — der einzige deutsche Architekt mit dieser Auszeichnung — hat ein Werk hinterlassen, das in mehrfacher Hinsicht in Bewegung bleibt. Bauten werden saniert, denkmalpflegerische Kategorien verändern sich, und neue Forschung verschiebt die Lesart einzelner Werke. Das Werkverzeichnis-Update im aktuellen Heft 27 versucht weder Vollständigkeit noch endgültige Wertung. Es ist ein Stand-Bericht aus Mai 2026, ein Schnitt durch sechs Schlüsselbauten in ihrem heutigen Zustand.

Die Linie vom Vater

Dominikus Böhm (1880-1955), Vater und langjähriger Werkstattmeister, hat seine Sakralbauten in einer Sprache entwickelt, die zwischen expressionistischer Backsteinbaute und rationaler Liturgie-Architektur stand. Die Werkstatt in Köln-Marienburg hat Gottfried in den 1950er Jahren übernommen und in den frühen Jahren weitgehend in der väterlichen Linie weitergeführt — die Christus-König-Kirche in Saarbrücken (1957) zeigt das noch deutlich, sie ist eine Backsteinbaute mit feinen Beton-Akzenten.

Der Bruch — wenn man ihn so nennen will — kommt mit dem Wechsel des Materials. Ab Mitte der 1960er verlagert Böhm das Tragwerk und die Oberfläche ineinander: Stahlbeton wird nicht mehr Substruktur einer Verkleidung, sondern selbst die Skulptur. Die Großflächen-Schalung, die sich technisch ab 1965 durchgesetzt hat, ist dafür die handwerkliche Voraussetzung. Was dann zwischen 1965 und 1972 in den rheinländischen Sakral- und Verwaltungsbauten passiert, ist die Hauptphase, an der sich das Werk im Mai 2026 misst.

Wallfahrtskirche Maria, Königin des Friedens — Velbert-Neviges, 1968

Das Hauptwerk. Eine zeltartig gefaltete Beton-Skulptur, die sich auf einer rechteckigen Grundfläche von 49 × 46 m über eine maximale Innenhöhe von 35 m aufrichtet. Die Falten der Decke sind keine Verkleidung, sondern tragende Stahlbeton-Scheiben mit Dicken zwischen 18 und 40 cm. Beton-Festigkeit nach Bauunterlagen B 300 (≈ C25/30 heutiger Lesart), Bewehrung BSt 420/IIIb.

Die Wallfahrtskirche ist seit 1992 als Baudenkmal eingetragen. Im Mai 2026 läuft die zweite Etappe der Außenhaut-Sanierung, die das Erzbistum Köln 2023 mit einem Volumen von 8,4 Mio. Euro begonnen hat. Diagnostik zeigt Karbonatisierungstiefen zwischen 14 und 28 mm — der Spitzenwert an den nach Westen weisenden Faltflächen, an denen Schlagregen am stärksten einwirkt. Lokal sind Halbzellen-Potentiale bis -440 mV gemessen worden, das Stahl-Volumen mit aktiver Korrosion wird auf 6 bis 9 % der Außenhaut-Bewehrung geschätzt. Die Sanierungs-Strategie kombiniert lokal abgegrenzten KKS (Kathodischer Korrosionsschutz) an den hochbelasteten Faltkanten mit flächiger Hydrophobierung. Eine vollständige Wiederherstellung der Sichtbeton-Oberfläche ist denkmalpflegerisch ausgeschlossen — der Bau soll seine Altersspuren tragen.

Pfarrkirche Christi Auferstehung — Köln-Lindenthal, 1968

Im selben Jahr fertiggestellt wie Neviges, aber von ganz anderer Geste. Ein zentrierter Bau mit rechteckigem Grundriss 28 × 22 m, dessen Decke aus vier kreuzförmig angeordneten Stahlbeton-Schalen besteht, die sich über einem zentralen Oberlicht-Ring treffen. Schalendicke 12-14 cm, hier mit einer relativ feinen Bewehrungslage aus BSt 220/IIIa als Verteilungsbewehrung und BSt 420/IIIb in den Haupttragrichtungen.

Erhaltungszustand Mai 2026: weitgehend stabil. Die Karbonatisierungstiefen liegen bei 9-12 mm — die Kirche ist von einem dichten Baumbestand umstanden, der Schlagregen-Einwirkung minimiert, und die Bewässerungs- bzw. Befeuchtungs-Zyklen sind moderat. Eine umfassende Sanierung ist nicht angesetzt; die Pfarrgemeinde plant für 2027 eine reine Innenraum-Maßnahme.

Rathaus Bensberg, 1969

Der Bau, an dem sich am stärksten zeigt, dass Böhm Beton als Skulptur und Geschichte zugleich denken konnte. Das Rathaus überlagert die erhaltene mittelalterliche Burganlage; ein turmartiger Beton-Aufsatz mit polygonalem Grundriss erhebt sich über den historischen Mauern, verbunden durch tieferliegende Verwaltungs-Trakte. Tragwerk Stahlbeton-Skelett, Außenwände als 28 cm dicke Ortbeton-Scheiben in Großflächen-Schalung gegossen.

Im Mai 2026 ist die Sanierung des Bensberger Rathauses seit Januar im Gange. Der Stadtrat hat im November 2024 ein Budget von 6,1 Mio. Euro freigegeben. Die kritische Stelle ist die Verbindung zwischen den historischen Burgmauern (Bruchstein) und den modernen Beton-Trakten — dort sammelt sich Feuchte, dort sind die mit Abstand höchsten Chloridgehalte gemessen worden (in der Bauakte vermutet man Tausalzeintrag aus den 1970er und 1980er Jahren). Sanierung hier mit lokaler Bewehrungsfreilegung und Reprofilierung in PCC.

Bensberger Heimatmuseum

Im Schatten des Rathauses, aber bautechnisch verwandt: der kleine Museums-Anbau auf dem Burgberg, fertiggestellt 1973. Eine zweischalige Beton-Konstruktion, deren Außenschale (10 cm Sichtbeton) statisch nichts trägt, sondern als Wetterschutz vor der tragenden Innenschale (20 cm) hängt. Diese Zwei-Schalen-Logik war 1973 noch eine technische Sonderlösung, die heute den Sanierungs-Aufwand begrenzt: die Außenschale kann lokal getauscht werden, ohne das Tragwerk anzutasten. Das Museum ist im Mai 2026 in einem guten Zustand; die Karbonatisierungstiefe liegt bei 11-15 mm, die letzte Hydrophobierung wurde 2018 aufgetragen und hat noch ausreichende Wirkdauer.

Bischöfliches Diözesanmuseum, Paderborn, 2000

Ein Spätwerk, in dem Böhm die Beton-Sprache der späten 1960er noch einmal aufruft, aber in einer technisch deutlich reiferen Form. Das Museum verbindet eine erhaltene Dom-Kapelle aus dem 13. Jahrhundert mit einem neuen Stahlbeton-Korpus, dessen Oberfläche in einer eigens entwickelten Brett-Imitations-Schalung gegossen wurde — also bewusst eine Rückblende auf die Bretterschalungs-Ästhetik der frühen 1960er, mit den präzisen Mitteln der späten 1990er produziert.

Beton-Festigkeit C30/37, Bewehrung B500B nach DIN 488. Die Karbonatisierungstiefe ist nach 26 Jahren bei nur 4-7 mm — der Sprung von BSt zu B500B und von W/Z-Werten 0,55-0,65 auf moderne 0,45-0,50 zeigt sich hier direkt. Das Diözesanmuseum wird im Mai 2026 als technisch nahezu wartungsfrei beschrieben; die nächste planmäßige Hydrophobierung ist für 2030 vorgesehen.

Pfarrkirche Heilig Geist — Bottrop, 1968

Ergänzend ein sechstes Werk, das im Hauptdiskurs gerne übersehen wird: die Heilig-Geist-Kirche in Bottrop, fertiggestellt 1968. Eine zentralsymmetrische Anlage mit einem markanten, fast 30 m hohen Beton-Turm, dessen Schaft eine Wandstärke von nur 22 cm bei einem freien Durchmesser von 8 m hat. Die Bewehrungsdichte ist hier außergewöhnlich hoch — die Bauakte verzeichnet einen Bewehrungsgrad von 184 kg/m³.

Mai 2026: die Bottroper Kirche ist seit 2019 entwidmet; die Gemeinde plant eine Nachnutzung als Stadtteil-Kulturhaus. Die Beton-Diagnostik wurde im Herbst 2025 abgeschlossen und zeigt, was bei diesen dünnen Schaftquerschnitten kritisch ist: Karbonatisierungstiefen von 19-24 mm bei einer Betondeckung von ursprünglich 25 mm — also unmittelbar an der Bewehrung. Die Umnutzung wird mit einer vollständigen Realkalisierung des Turm-Schafts beginnen, eine Maßnahme, deren Wirksamkeit in den nächsten 12-18 Monaten zu beobachten sein wird.

Ein offenes Verzeichnis

Sechs Bauten, fünf davon noch im täglichen Gebrauch, jeder im Mai 2026 in einer eigenen Sanierungs-Phase. Das Werkverzeichnis Böhm ist im aktuellen Heft also nicht abgeschlossen, sondern in einem Zustand, in dem das Bauen am Bestand selbst Teil der Werkbeschreibung wird. Im nächsten Heft folgt die Auswertung der Diagnostik-Daten aus Bottrop in voller Länge.


Ressort: Architekten