Model-Union Deutschland — was die Gewerkschaft 2026 fordert
Die deutsche Berufsvertretung im Model-Bereich hat ihr Forderungspapier für die laufende Tarifrunde veröffentlicht. Fünf Kernpunkte, mit Hintergrund zu jedem — und eine Einordnung, was davon Marktstandard werden könnte.
Die deutsche Berufsvertretung im Model- und Mannequin-Bereich hat Anfang Mai ihr Forderungspapier für die laufende Tarifrunde veröffentlicht. Es ist das ausführlichste Papier dieser Vertretung seit Gründung — und es liest sich als ernsthafter Versuch, die operative Arbeitsrealität in der Branche in tarifförmige Standards zu übersetzen. Wir gehen die fünf Kernpunkte einzeln durch.
1. Mindesttagessatz mit Differenzierung nach Funktion
Erste Forderung: Ein Mindesttagessatz für Show- und Shoot-Tage, differenziert nach Funktion. Bisher gab es Empfehlungen, keine verbindlichen Mindestsätze. Das Papier schlägt jetzt eine dreistufige Staffelung vor: Junior-Buchung (Markteinsteiger:innen mit weniger als 24 Monaten Berufserfahrung), Standard-Buchung und Senior-Buchung mit dokumentierbarer Kampagnen-Historie. Die Mindestsätze sind in den jeweiligen Stufen in einer Größenordnung formuliert, die nach Verbandsangabe sowohl Pflichtversicherungen als auch Agentur-Provision abdeckt und den Anbieter:innen ein verbleibendes Netto-Tagesergebnis lässt, das mit einem qualifizierten Angestelltenverhältnis vergleichbar ist.
Aus Branchen-Sicht ist die Forderung sportlich, aber nicht abwegig. Mehrere Mittelständler in der Konsumgüter-Industrie haben bereits intern Mindest-Honorarschwellen für Talent-Buchungen eingeführt; das Verbands-Papier formalisiert eine Praxis, die sich teilweise schon durchgesetzt hat.
2. Pflicht-Pausen und Höchstarbeitszeiten
Zweite Forderung: Verbindliche Pflicht-Pausen und Höchstarbeitszeiten für Set-Tage. Konkret: maximal zehn Stunden Set-Präsenz pro Tag inklusive Hair-Makeup-Vorbereitung, mit einer Pflicht-Pause von 60 Minuten nach jeweils vier Stunden. Bei Überschreitung verdoppelt sich der Tagessatz; bei Überschreitung um mehr als zwei Stunden besteht ein Pflichtrückforderungsrecht.
Diese Forderung lehnt sich erkennbar an den arbeitszeitrechtlichen Standard im Angestelltenverhältnis an, mit Anpassungen für die freiberufliche Buchungspraxis. Aus Produktions-Sicht ist die Forderung umsetzbar, verlangt aber ein konsequenteres Zeit-Tracking als die meisten Sets es heute praktizieren.
3. Transparente Provisions-Strukturen
Dritte Forderung: Transparente Provisions-Strukturen zwischen Talent, Agentur und gegebenenfalls Mother-Agent. Das Papier fordert eine schriftliche Aufschlüsselung jeder einzelnen Buchung mit Brutto-Honorar, abgezogenen Provisionen, Sozialabgaben und Nettoauszahlung — übermittelt innerhalb von 14 Tagen nach Set-Tag.
Diese Forderung adressiert eine alte Beschwerdelinie: Die historische Praxis, Brutto-Buchungen und Netto-Auszahlungen ohne genaue Aufschlüsselung zu kommunizieren. Mehrere Agenturen haben in den letzten Monaten bereits intern die Buchungssoftware so umgestellt, dass eine vollständige Aufschlüsselung automatisch generiert wird — der Verbands-Standard würde diese Praxis verallgemeinern.
4. Schutz bei Kurzfristigkeit
Vierte Forderung: Schutz vor kurzfristiger Absage. Bisher gilt branchenüblich: Absage bis zu 48 Stunden vor Set-Tag ohne Honorar, Absage zwischen 48 und 24 Stunden vor Set-Tag mit halbem Honorar, Absage innerhalb der letzten 24 Stunden mit vollem Honorar. Das Verbands-Papier fordert: Volles Honorar ab 72 Stunden vor Set-Tag, und volle Tagessatz-Erstattung plus eine Aufwandspauschale bei Absage innerhalb der letzten 24 Stunden.
Der Hintergrund ist operativ: Wer eine Buchung 48 Stunden vor Set-Tag platziert hat, hat in der Regel keine realistische Chance auf eine Ersatzbuchung — der entgangene Tag ist faktisch wirtschaftlich verloren. Die Forderung formalisiert eine Praxis, die einige große Auftraggeber bereits intern gewähren.
5. KI-Klausel
Fünfte Forderung: Eine verbindliche Klausel zum Umgang mit KI-generierten Likeness-Verwendungen. Das Papier fordert: Keine Verwendung des Gesichts, der Stimme oder der körperlichen Merkmale für KI-Training oder KI-Generierung ohne separate, jeweils zeitlich befristete und gesondert vergütete Zustimmung. Pauschale Zustimmungen in Standard-Verträgen sollen unzulässig sein.
Dies ist die politisch heikelste der fünf Forderungen, weil sie unmittelbar in das Vertragsgeschäft hineingreift und Auftraggeber aus dem Konsumgüter- und Technologie-Bereich betrifft. Die Tarifrunde wird hier vermutlich am intensivsten verhandelt.
Einordnung
Insgesamt ist das Forderungspapier ein ambitioniertes, aber praxistaugliches Dokument. Mehrere Punkte adressieren Beschwerdelinien, die in den Schiedsstellen seit Jahren auflaufen. Drei der fünf Forderungen werden vermutlich in der laufenden Runde zumindest in abgeschwächter Form Konsens — die Mindestsatz-Frage und die KI-Klausel dürften kontrovers bleiben.
Wir berichten weiter, sobald die Verhandlungsphase Ergebnisse hat.